Anna und das blaue Wunder - Teil I
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>> weiter zu Teil II | Teil III Es war einmal ein Mädchen, das besaß ein Jäckchen, welches ihr über alle Maße gefiel. Es war ein Jäckchen, wie es Leute tragen, die gerne Heavy-Metal-Musik hören. Aber nie durfte sie es in die Schule anziehen. Ihre Eltern sagten immer, sie sähe ganz schrecklich darin aus und überhaupt, was sollten denn die Nachbarn denken.
Das Mädchen hieß Anna Amalia Andersen, aber alle Welt nannte es nur Anna. Anna wohnte mit ihren Eltern in einem schönen, neuen Haus am Stadtrand. Damit sie auch weiter in dem schönen, neuen Haus wohnen konnten, musste ihr Vater immer furchtbar viel arbeiten. Annas Mutter hatte auch nie Zeit. Sie war damit beschäftigt, allen Leuten, die sie kannte, zu zeigen, in welche einem schönen, neuen Haus sie jetzt wohnten. Manchmal fragte sich Anna, ob alle diese Leute auch zu Besuch gekommen wären, wenn sie noch in der kleinen engen Wohnung am anderen Ende der Stadt wohnen würden. Manchmal bekam Anna richtig Heimweh nach diesen Betonklötzen und Sehnsucht nach den vielen Freunden, die sie dort hatte. Hier gab es nur Leute, die samstags ihr Auto wuschen, die Rollläden runterließen, wenn es regnete und Kinder hatten, die um acht Uhr zu Hause sein mussten.
Ach ja, einen kleinen Bruder hatte Anna auch noch. Der quengelte ständig herum, bohrte beim Fernsehen in der Nase und rülpste, wenn er süße Limonade getrunken hatte. Außerdem gab es in diesem Haus noch einen Dackel, der Sokrates hieß und durch die Wohnung watschelte wie ein zu klein geratenes Hängebauchschwein, das zuviel Bier getrunken hat.
Hinter dem Haus gab es einen Park. Das heißt, ein Park war das eigentlich nicht mehr sondern nur noch so eine verwilderte Erinnerung daran. In den ging Anna immer, wenn sie Sokrates spazieren führen musste. Sie tat das gern, weil sie häufig allein sein wollte. Dass Sokrates dabei war, störte sie nicht, weil sie dann mit dem Alleinsein nicht so alleine war. Sie zog sich dann ihr Metal-Jäckchen an, nahm den Hund an die Leine und ließ ihn den Weg zum Park abschnüffeln.
Wenn sie dann an einer bestimmten Bank angekommen waren, es war Annas Lieblingsbank, ließ sie den Hund von der Leine und knallte sich darauf, dass der Erdboden zitterte. Dann setzte sie den Kopfhörer auf und jagte sich eine Musik in die Ohren, dass ihre Trommelfelle eine Gänsehaut bekamen. Es war eine Musik mit Klängen wie aus Stahl, bei der, wenn man sie in der Küche eines Bauernhofes laufen gelassen hätte, sämtliche Fliegen tot von der Wand gefallen wären. Zum Glück mussten die Bäume und Pflanzen diese Musik nicht hören. Sonst hätten die Eichhörnchen mit Tannenzapfen nach ihr geworfen.
Sie schloss die Augen und ließ sich von dem Sturm, den die Musik in ihr entfesselte, treiben. Sie stellte sich vor, wie sie über ihr Viertel flog und die autowaschenden Leute vor Schreck in die Häuser flohen. Dann jagte sie über Wiesen und Hügel und wenn die Musik bedrohlicher wurde, sah sie unter sich feindliche Stellungen, von denen aus sie beschossen. Doch die Patronen prallten an ihr ab wie Regentropfen an einer Ölhaut. Die Musik machte sie unangreifbar. Früher fand sie diese Musik scheußlich. Aber ihre Freunde aus der Betongegend hatten ihr beigebracht, wie man sie hören muss, dass man sie mag. Jetzt fand sie die Musik aufregend. Außerdem erinnerte sie sie an die Gegend, wo sie früher gewohnt hatte.
Wenn es nicht gerade regnete, dann spielte sich jeden Tag das gleiche ab: Sokrates verschwand im Gestrüpp des Waldes und Anna in ihren stählernen Träumen.
2
Bis plötzlich ein Tag kam, an dem es nicht mehr das Gleiche war. Anna kehrte wie üblich von ihrer Traumreise auf die Parkbank zurück, weil die Musik zu Ende war und sie die Kassette umdrehen wollte. Hoppla, dachte sie, wer ist denn das da. Und sie schaute sich verdutzt einen älteren Herrn an, der unbemerkt neben ihr Platz genommen hatte. Was machen Sie denn hier? fragte ihn Anna. Dich besuchen. Mich besuchen? Sie kennen mich doch gar nicht. Natürlich kenne ich dich. Seit Wochen fliegst du wie eine Irre durch die Gegend und verbreitest eine Musik, die wie ein grässliches Parfum stinkt. Ich glaub, ich spinne. Das träume ich doch blos so. Können sie vielleicht Gedanken lesen? Das können sie doch alles nicht wissen. Doch, das kann ich. Sagen sie blos, sie sind irgend so ein Zauberer aus dem Märchenland und jetzt kommt die Masche mit den drei Wünschen. Das stimmt fast. Auch das mit den Wünschen? Ey, das wär echt scharf. Du kannst mir ja mal was vorzaubern. Dann glaube ich dir auch, dass du nicht irgend so ein Ratzefutz bist, der kleine Mädchen mit Schokolade ins Gebüsch locken will, um sie abzumurksen. Eigentlich war Anna nie auf die Idee gekommen, ihm zu misstrauen. Die Stimme dieses Mannes hatte eine Anziehungskraft wie sechs Wochen Ferien oder zehn Portionen Eiskrem mit Schlagsahne und heißen Himbeeren. So konnte nur jemand reden, der nicht von dieser Welt war.
Weder noch, meinte der Mann neben ihr, weder hab ich Schokolade noch werde ich irgendwelchen Menschen irgendwelche Wünsche erfüllen. Nachdem wir nämlich gemerkt haben, dass sich die Menschen mit ihren Wünschen immer nur geschadet haben, haben wir das vor sechshundert Jahren eingestellt. Außerdem brauchst du mich nicht zu küssen. Ich bin nämlich kein verzauberter Königssohn. Da bin ich ja beruhigt. Aber vielleicht könntest du mir mal sagen, wo du her kommst. Ich komme von nirgendwo her. Ich war immer schon da. Und du kannst wirklich keine Wünsche erfüllen? Ich könnte schon, aber ich darf nicht. Auch nicht, wenn ich verspreche, superbrav zu sein und jeden Tag mein Zimmer aufzuräumen? Wenn du morgen wieder hierher kommst, dann wirst du gemerkt haben, dass ich nicht lüge. Und plötzlich war der seltsame Besuch verschwunden. Aber es hatte weder flutsch gemacht noch war an der Stelle, wo er eben noch gesessen hatte, ein kleines Rauchwölkchen zu sehen.
3
Auf dem Heimweg wusste Anna gar nicht, wie sie sich fühlen sollte. Wenn ihr auch ein bisschen unheimlich zumute war, so fand sie doch das Ganze irgendwie auch lustig und aufregend. Ihr war klar, dass demnächst etwas Seltsames passieren konnte. Und darauf freute sie sich. Anna und Sokrates waren noch ein schönes Stück von zu Hause entfernt, da kam ihnen Frau Wühlisch entgegen. Frau Wühlisch war ein nörgelndes, altes Weib mit einem Schandmaul, das nur Gift und Galle spuckte. Anna hatte sie schon lange nicht mehr gesehen. Aber mit einem Mal kam es ihr vor, als sei sie plötzlich sehr alt geworden. Und einen anderen Hund hatte sie auch bei sich. Na ja, dachte Anna, hat die Alte also ihren Purzl mit dem vielen Apfelbrei zu Tode gefüttert.
Als Anna vor dem Haus stand, kam ihr der Garten vor, als sei er schon vor ein paar Jahren angelegt worden und nicht erst vor einem knappen Monat. Ihr war etwas mulmig zu Mute. Was würde sie im Haus erwarten? Als sie die Wohnung betrat, saß der Typ von eben vor dem Fernseher. Er sah aus wie ihr Bruder im Konfirmationsalter. Im Fernsehen lief ein Film, indem es nur so krachte und schepperte. Dazu schob sich der Junge knirschend Chips in den Mund.
Ach du bist es begrüßte er sie. Es klang, als würde er sie immer so begrüßen. Anna versuchte ihre Verwirrung zu verbergen und so normal wie möglich zu erscheinen. Wo ist Mami? fragte sie ihn. Weißt du doch, beim Friseur sagte der Junge, ohne sich dabei umzudrehen. Anna tat, als wüsste sie. Irgend etwas dämmerte ihr, aber ganz sicher war sie sich nicht. Wo ist denn die Zeitung von Heute? In der Küche, glaub ich. Sie lag tatsächlich auf dem Küchentisch. Aber Zeitung lesen wollte Anna nicht, sie interessierte nur das Datum und als sie es las, bestätigte sich ihre Vermutung. In der Zeit, in der sie mit Sokrates im Park gewesen war, war die gesamte Welt um acht Jahre gealtert nur sie nicht. Jetzt war ihr auch klar, was der seltsame Besucher gemeint hatte als, er sagte, sie würde schon merken, dass er nicht lügen würde. Aber das beruhigte sie nur wenig. Wer weiß, dachte sie, was noch alles auf mich zukommt. Am wenigsten könnte ihr passieren, wenn sie in ihr Zimmer ginge und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.
Als sie die Kassette aus dem Walkman nahm, fiel ihr auf, dass die Kassette gar nicht zu Ende gespult war. Dabei hätte sie schwören können... Sie legte sich auf ihr Bett und hörte sich die Musik zu Ende an. Doch die Musik wirkte wie ein Aufputschmittel. Die Ereignisse des Tages jagten im Schleudergang durch ihren Kopf. Wenn die Welt nicht total aus den Fugen geraten ist, dann geht jetzt die Tür auf und herein kommt ein galantgeschminkter Fernsehmoderator, fragt mich, ob ich Spaß verstehen würde und zeigt mir die versteckte Kamera.
Als sie danach ins Wohnzimmer ging, erlebte sie die nächste Überraschung: Vor dem Fernseher saß wie gewohnt ihr sechsjähriger Bruder, sah sich einen Zeichentrickfilm an und bohrte in der Nase. Ihr fielen gleich mehrere Felsen auf einmal von der Seele. Gott sei Dank, dachte sie, die Welt ist wieder in Ordnung.
Klar, dass sie morgen wieder zur Parkbank gehen würde. Und sollte dann dieser seltsame Besucher wieder kommen, der bekäme eine Standpauke zu hören, wie ein Erdbeben. Dafür würde sie, wenn nötig, die ganze Nacht üben.
Am nächsten Tag konnte es Anna gar nicht abwarten, bis es fünf Uhr wurde und sie mit Sokrates in den Park gehen konnte. Ihren Eltern hatte sie nichts von der Begegnung erzählt. Es hätte sie vermutlich auch gar nicht interessiert. Dass sie eine Tochter hatten, merkten die immer erst dann, wenn sie Taschengeld wollte.
Es wäre toll, wenn er schon auf der Bank sitzen würde, wenn ich komme, dachte Anna. Aber er saß nicht da. Vermutlich kommt er erst, wenn ich die Kassette mit der wilden Musik einlege, die Augen schließe und mich in einen tollkühnen Traum stürze. Sokrates durchwühlte mittlerweile aus lauter Freude am Durchwühlen den Waldboden und Anna jagte sich die wilde Musik in die Gehörgänge. Aber Träume wollten sich nicht einstellen, dazu war sie einfach zu aufgeregt. Als sie die Augen aufschlug, war sie noch immer allein auf der Bank. Sie ging später heim als sonst und war tief enttäuscht. Unterwegs traf sie Frau Wühlisch, die ihren verfetteten Purzl hinter sich her zerrte. Vor kurzem hatten sie und ihre Freundin Neele in einem unbeobachteten Moment ihr Purzels Hundehaufen in den Einkaufskorb gelegt. Während Anna sie freundlich grüßte, machte Frau Wühlisch ein solch bösartiges Gesicht, wie es zehn Hexen und fünf feuerspeiende Drachen zusammen nicht hingekriegt hätten.
Zu Hause saß ihr nasebohrender kleiner Bruder und sah sich einen Zeichentrickfilm an, bei dem es nur so zischte und quitschte. An diesem Abend ging Anna früh und traurig ins Bett.
So erging es Anna ein paar Tage lang. Immer wieder ging sie mit Sokrates in den Park aber nie saß der ersehnte Besuch neben ihr, wenn sie die Augen aufschlusg. Langsam vergaß sie auch ihre ausgefeilte Standpauke. Sie zermarterte sich so sehr das Gehirn, wie sie den ersehnten Besuch herbei kriegen könnte, dass sie Angst hatte, Beulen auf der Schädeldecke zu bekommen. Schließlich passiert es nicht jedem dreizehnjährigen Mädchen, dass sich ein Zauberer, der seine Kleidung bei C&A kauft, neben einen auf die Parkbank setzt. Er wird wohl nie kommen, sagte sich Anna, wenn ich ständig an ihn denke. Aber wie soll man an etwas nicht denken, wenn man dauernd daran denken muss, nicht daran zu denken.
Eines Tages steckte sie sich eine Kassette ein, die sie schon lange nicht mehr mitgenommen hatte und von der sie gar nicht wusste, wo sie die her hatte. Auf ihr war Musik der Gruppe Blue Miracle und zwar der Titel Time Channel. Das Lied erzählte die Geschichte eines Jungen, der gerne Astronaut werden wollte, dann eine Reise durch die Galaxie machen konnte und dabei in ein Zeitloch gefallen war.
Sie hatte dieses Band die ganze Zeit nicht mehr gehört, weil in der Mitte dieses Liedes der Walkman immer streikte und sich weigerte, weiter zu spielen. Jetzt erinnerte sich Anna wieder. Genau, das war doch die Kassette, die sie an jenem Tag dabei hatte, als dieser Besucher auftauchte. Und stecken geblieben war sie zum ersten Mal an diesem Tag. Die nahm sie jetzt auf den Spaziergang mit und für den Fall, dass sie streiken würde, eine Ersatzkassette.
Als Anna sich an diesem Tag auf die Parkbank falle lies, hatte sie schon alle Hoffnung aufgegeben, ihren Besucher jemals wieder zu treffen. An diesem Tag legte sie die kaputte Kassette in den Walkman und die zentnerschwere Musik donnerte wie eine Naturkatastrophe in ihre Gehörgänge. Plötzlich spürte sie, dass sie sich überhaupt nicht anzustrengen brauchte, um von der Musik in einen Traum gerissen zu werden. Die Klänge überrumpelten sie regelrecht, sie griffen nach ihr und zogen sie fort von der Parkbank. Wie von einer unerklärlichen Kraft getrieben erhob sich Anna und durchstreifte die Luft wie Batmans Tochter. Sie sah wieder den Wald unter sich, doch diesmal kam es ihr vor, als hätte der Wald eine vielchörige Stimme, die sich wie ein Lockruf anhörte. Sie konnte keine richtigen Worte oder Sätze verstehen, aber sie hatte das Gefühl, als ob die Musik aus dem Wald käme und sie aufforderte, zu ihr herunter zu kommen.
Und Anna begab sich in den Wald. Zuerst musste sie sich durch dichtes Gestrüpp kämpfen, dann lichtete sich der Wald und es dauerte nicht lange, da stieß sie auf einen Weg. Den nahm Anna unter ihre Füße, denn, so dachte sie, irgendwohin muss der ja führen.
Sie war noch nicht sehr weit gegangen, da hörte sie einen seltsamen, vielstimmigen Männergesang. Er klang grausam, falsch und fürchterlich träge. Das Einzige, was stimmte waren Text und Rhythmus. Und weil diese singenden Männer ihr Lied ständig wiederholten, konnte Anna auch allmählich den Text verstehen. Sie fand ihn unheimlich bescheuert. Das war ja noch scheußlicher als sämtliche Gedichte, die in ihrem Poesiealbum standen.
Wir laufen durch den Wald, ob`s heiß ist oder kalt. Wir tuen was vereint und suchen einen Feind. Doch leider ist der Wald leer. Drum machen wir kein Halt mehr.
Wenig später sah sie eine völlig vergammelte und undisziplinierte Horde von sich müde dahinschleppenden Männern in schlecht geflickten Uniformen. Es schienen Soldaten zu sein, aber sie sahen aus, als hätten sie drei Schlachten hintereinander verloren. Ihnen voran schritt eine Art Hauptmann, auch er in einer ungepflegten und abgerissenen Uniform. Statt Gewehre trugen sie verrostete Sensen und Sicheln. Einer hatte einen Vorschlaghammer bei sich. Als die Männer Anna sahen, blieben sie stehen und sahen sie aus übermüdeten Augen an. Ihr singt vielleicht einen Krampf meinte Anna. Ungefähr so klingt es, wenn wir in der Schule Alle Vögel sind schon da singen sollen. Was seid ihr denn für ein komischer Haufen. Eigentlich wollte sie ja sagen, dass die Männer ihr vorkamen, als hätte man aus allen Gegenden des Landes die schlimmsten Dorftrottel zusammengetrommelt und daraus eine Armee gemacht. Aber das verkniff sie sich lieber. Wir sind Soldaten antwortete der Hauptmann, aber wir haben unseren Feind verloren. Na, das ist ja prima. Dann könnt ihr ja nach Hause gehen und was vernünftiges machen. Was sollen wir denn machen. Wir haben doch nichts anderes gelernt, als Feinde umzubringen. Dass ihr keinen Gesangsunterricht hattet, das merkt man. Was ihr singt ist einfach fürchterlich. Vielleicht hat euer Lied den Feind in die Flucht geschlagen. Es geht das Gerücht, unserem Feind gehe es genauso schlecht wie uns, seine Waffen seien alle kaputt und deswegen wolle er nicht mehr kämpfen. Seit wann seid ihr denn schon ohne Feinde? Der Hauptmann bekam einen ganz wehmütigen Blick und stöhnte leise. Seit ich Hauptmann bin mindestens. Schon mein Vorgänger war ständig auf der Suche. Nachts machen wir uns ein Lager im Wald und rauchen das getrocknete Gras, das hier im Wald wächst. Und dann kommen in uns Träume hoch und wir erzählen uns die tollsten Schlachten, und wie wir, wenn wir dann nach Hause kommen, als Helden gefeiert werden. Aber morgens, wenn wir dann aufwachen, sind wir alle so kaputt, dass wir aussehen, als hätten wir sämtliche nächtliche Schlachten verloren. Dann schau ich im Lehrbuch für Kriegseinführung nach das hab ich von meinem Vorgänger welche Kommandos ich brauche, um meine Truppe wieder auf Trab zu bringen. Und dann gehen wir weiter, Feinde suchen. Wie lange wollt ihr das denn noch machen? Bis wir endlich einen Feind gefunden haben. Und wenn es überhaupt keine Feinde mehr gibt? Feinde gibt es immer. Sonst gäbe es ja auch keine Soldaten. Anna wollte dieser Satz zwar nicht einleuchten. Aber sie sagte nichts dazu. Hauptsache, die Soldaten glaubten daran. Der Hauptmann wurschtelte sich ein zerfleddertes Buch aus der Jackentasche und schien Anstalten zu machen, seine Truppe wieder in Marsch zu setzten. Eine Frage noch bevor ihr weitermarschiert. Gibt es vielleicht gefährliche Tiere hier im Wald, Wölfe oder so was. Wölfe? Was ist denn das? Wölfe, das sind ganz gefährliche Tiere, die fressen immer kleine Mädchen, die ein rotes Käppchen aufhaben und ihrer Großmutter Kuchen und Wein bringen wollen. Sie haben einen Magen, der ist so groß, dass sieben Geißlein auf einmal reinpassen und sehen aus wie Schäferhunde. Ach so die, nein, die gibt es hier schon lange nicht mehr. Es hat sich nämlich die ihnen herumgesprochen, dass es ein Land gibt, wo sie dreimal täglich mit Apfelbrei gefüttert werden, sonst aber auf der faulen Haut liegen können. Da haben sie sich alle als Hunde umschulen lassen und sind ausgewandert.
Mit einem müden und traurigem Kommando trieb der Hauptmann seine Soldaten zum weitergehen an und Anna hörte, wie ihr bescheuertes Lied allmählich in der Ferne verklang. Es ist lustig hier, dachte sich Anna. Wenn sich das nicht ändert, dann werde ich wohl noch ein bisschen hier bleiben. Nur die Soldaten, die taten ihr fast ein bisschen Leid.
Während Anna weiterging, musste sie dauernd an den traurigen Hauptmann und seine Truppe denken. Eigentlich fand sie die Soldaten, so heruntergekommen sie auch waren, fast niedlich. Es ist doch schön, sagte sie sich, dass Erwachsene so kindisch sein können. Sie bedauerte, dass ihr nichts eingefallen war, was den Hauptmann ein bisschen aufgemuntert hätte. Aber sicher würde sie ihm, so tröstete sie sich, irgendwann mal wieder begegnen.
Der Weg führte sie immer tiefer in den Wald und es wurde richtig finster, so wenig Tageslicht drang durch die Bäume. Aber Angst hatte Anna keine. Wenn schon die Soldaten so harmlos waren und es keine gefährlichen Wölfe mehr gab, dann konnte ihr ja nichts mehr passieren. Vielleicht lagen in dem finsteren Gesträuch ein paar Räuber auf der Lauer, die etwas besser in Form waren als diese jämmerlichen Soldaten.
Es gab sie tatsächlich, diese Räuber. Denn was wäre ein schauriger Wald ohne Räuber. Und wenn die etwas auf sich hielten, dann liefen sie mit einem blutigen Messer zwischen den Zähnen herum. Aber sie sahen überhaupt nicht so aus, wie sie sich Anna vorgestellt hatte. Drei Räuber und eine Räuberbraut hüpften wie kleine Kinder auf dem Waldboden herum und spielten Himmel und Hölle. Sie musste lachen, als sie diese komische Gestalten sah. Anna fasste sich ein Herz, ging auf sie zu und sprach sie an: Was macht ihr denn da? Dieses Spiel hab ich vor fünf Jahren zum letzten Mal gespielt. Das ist doch nur was für kleine Kinder. Wollt ihr mich denn nicht überfallen und ausrauben? Da Anna nichts außer ihrem Metal-Jäckchen und dem Walkman bei sich hatte, was man ihr hätte rauben können, fiel es ihr leicht, so mutig zu sein. Wenn du sagst, wie man das macht, dann probieren wir das mal. Es ist verdammt lang her, dass wir jemand ausgeraubt haben sagte einer von ihnen und grinste sie dabei an. Habt ihr nicht so ein Buch wie Tick, Trick und Track, wo alles drin steht, wenn man nicht mehr weiter weiß? Zum Beispiel Rauben und Morden für Anfänger und Fortgeschrittene. So was haben wir tatsächlich mal besessen und zwar als wir noch auf die Räuberschule gegangen sind und uns aufs Räuberdiplom vorbereitet haben. Aber leider hat man es uns geraubt. Wenn du ungefähr eine halbe Stunde weitergehst, findest du ein paar Kollegen von uns. Die spielen Sackhüpfen und Blinde Kuh. Die haben das Buch. Aber, wie ich gehört habe, haben sie mittlerweile Papierflieger draus gemacht. Was ist das nur für eine verrückte Welt, dachte Anna. Sackhüpfende Räuber und feindlose Soldaten, das muss wohl an diesem Wald liegen. Hoffentlich komme ich hier wieder ohne Dachschaden heraus.
Der Weg war angenehm zu gehen und führte Anna aus dem Wald. Als die plötzlich vor einer sonnenüberfluteten Hügellandschaft stand, verschlug es ihr fast den Atem. Mein Gott, sagte sie sich, das gibt es doch gar nicht, so was Schönes, nicht mal in Urlaubskatalogen. In der Ferne sah sie ein kleines Städtchen und beschloss, ihm einen Besuch abzustatten. Der Weg dorthin führte sie am Waldrand entlang und zog sich länger hin, als sie erwartet hatte.
Anna war noch ein ganzes Stück vom Städtchen entfernt, da stand sie plötzlich vor einem kleinen, verfallenen Holzhäuschen. Davor saß auf einer Bank ein verhutzeltes Männlein. Es bastelte an etwas herum, doch Anna war nicht klar, was das werden sollte. Darf man erfahren, was du da machst? fragte ihn Anna. Ich bin ein Wettermacher und baue einen Drachen antwortete das Männlein. Und wofür brauchst du einen Drachen. Oh, das ist eine lange Geschichte. Willst du sie hören? Na klar, Es ist lustig hier. Nur verrückte Leute gibt es hier. Soldaten die nicht kämpfen und Räuber, die nicht rauben. Mal sehen, was du für ein komischer Vogel bist. So so, du bist ihnen also begegnet. Mir geht es nämlich auch nicht besser als denen. Ich bin ein Wettermacher, der kein Wetter mehr machen kann. Und das kam so: Seit undenklichen Zeiten gibt es bei uns nur schönes Wetter. Sonnenschein und manchmal ein paar laue Winde, sonst nichts. Das ist doch herrlich. Von wegen herrlich. Die Leute fingen an zu murren. Sie wollten wissen, wie es ist, wenn ein Gewitter tobt, ein Regen alles nass macht und einem wilde Unwetter Furcht und Schrecken einjagen. Aber es gelang mir nicht, ihnen schlechtes Wetter zu machen. Zur Strafe hat man mich aus der Stadt vertrieben und ich darf erst wieder zurückkommen, wenn ein richtiges Unwetter auf die Stadt niedergegangen ist. In meiner Not bin ich zu einem Zauberer gegangen und zwar zu dem billigsten, den es in unserer Gegend gab. Er konnte schon zaubern, nur manchmal machte er Fehler dabei. Er war bei der Zauberprüfung durchgefallen und durfte eigentlich gar nicht zaubern. Deswegen machte er das nur so nebenher und als Sonderangebot. Den habe ich um Hilfe gebeten. Doch seine Zauberei ging gründlich daneben, weil er beim Zaubern wieder mal betrunken war. Statt mir die Kraft zu Wettermachen herbei zu zaubern, hat er mich in eine unangenehme Lage gebracht. Jetzt bekomme ich alle zehn Jahre einen Sohn. Aber zur Welt kommt kein kräftiger Knabe. Sondern morgens, wenn ich aufwache, sitzt neben meinem Bett ein Frosch, der mich aus dem Schlaf quakt und sofort, wenn ich die Tür aufmache, das Weite sucht. Zurück von meinem Sohn bleibt nur die seine Kraft, die mein Körper an ihn nicht weitergegeben hat sondern bei sich behält. Ich bin dann zwar stärker als zuvor, aber dafür werde ich jedes Mal eine Handbreit kleiner. Meine Hütte hat er aus Versehen gleich mitverzaubert, weil in seinem Zauberbuch eine Seite fehlte. Am Anfang hatte ich ein großes schönes Haus, nur etwas wacklig war es und droht einzustürzen. Doch jedes Mal, wenn ein Frosch das Weite gesucht hat, sieht es ein bisschen verfallener aus, ist aber wesentlich stabiler geworden. Gibt es irgend etwas, das dich von deinem Zauber erlösen könnte fragte Anna, ganz ergriffen von dieser Geschichte. Sie hoffte insgeheim, dass es keine Jungfrau sein möge, die ihm die Erlösung zu bringen hätte. Sie hatte nämlich keine Lust, als Frau eines Wettermachers ihr weiteres Leben zuzubringen. Ich brauche nur ein paar Tropfen Regen und schon bin ich wieder der, der ich einmal war. Und meine Hütte ist wieder ein schönes, großes aber wackliges Haus. Und wofür brauchst du den Drachen? wollte Anna wissen. Ich will ihn in den Himmel steigen lassen. Dann versuche ich, eine Wolke damit zu fangen. Vielleicht gelingt es mir, sie aufzuhalten und sie zu überreden, dass sie ihren Regen hier fallen lässt. Ich glaube nicht, dass ich geeignet wäre, dir beim Wolkenfangen zu helfen. Das glaube ich dir. Ich weiß nicht mal selbst, ob mir das gelingt. Aber vielleicht gelingt es dir, rauszubekommen, was mit unserem Land los ist. Alles ist herrlich, alles geht gut, nichts Böses gibt es hier, und trotzdem fehlt den Menschen irgend etwas ganz Wichtiges. Warum haben die Soldaten keinen Feind, warum rauben und morden die Räuber nicht mehr und warum gibt es ständig nur noch schönes Wetter. Wenn du das herausgefunden hast, lass mich der erste sein, dem du das sagst. Dann werden Regen, Sturm und Unwetter auf unser Land niedergehen und ich kann in die Stadt zurückkehren in das Haus meiner Väter. Anna verabschiedete sich von dem alten Männlein und ging langsam in Gedanken versunken weiter.
Sie war reichlich müde, als sie in dem Städtchen ankam, denn sie hatte einen weiten Weg hinter sich. Sie ging durch die engen und verwinkelten Gassen. Aber irgend etwas schien in dieser Stadt zu fehlen. Es war helllichter Tag, aber kein Mensch schien hier etwas zu tun zu haben. Obwohl es ein Werktag war, hatte Anna den Eindruck, es sei Sonntag. Gut, Autos und Fahrräder hatte sie nicht erwartet. Schließlich war sie in einer Märchenwelt gelandet und nicht in Berlin oder Dortmund. Aber, was sie hier sah, wunderte sie doch. Die Leute hockten vor den Wirtshäusern und spielten Karten. Auf den Treppen saßen Leute, die sich unterhielten und wieder andere standen an den Ecken und beobachteten den Flug der Vögel. Kein Mensch war in Eile, kein Pferdewagen hoppelte über das Kopfsteinpflaster. Überall herrschte eine ungewöhnliche Ruhe. Anna hatte von dem vielen Laufen Blasen an die Füße bekommen. Als sie von zu Hause wegging, hatte sie mit allem gerechnet, nur damit nicht, dass sie in einer anderen Welt landen würde. Sonst hätte sie sich mit Sicherheit andere Schuhe angezogen. Als sie eine Apotheke sah, ging sie hinein. Womit kann ich dienen, schönes Fräulein? fragte sie der Apotheker. Schönes Fräulein hatte noch nie jemand zu ihr gesagt. Es passte zu dem freundlichen Apotheker. Ich habe Blasen an den Füßen. Haben sie vielleicht eine Salbe oder so was ähnliches? Der Apotheker schüttelte den Kopf. Ich muss dich enttäuschen, schönes Fräulein. Ich verkaufe schon lange keine Heilmittel mehr, ich verkaufe nur noch Krankheiten an die Leute. So etwas musste ja kommen, dachte Anna. Am besten, ich wundere mich über gar nichts mehr. In unserem Land sind die Menschen alle unerträglich gesund. Kein Husten, kein Schnupfen, nicht das geringste Zipperlein. Ärzte und Krankenhäuser gibt es schon lange nicht mehr. Wenn die Leute mal zu mir kommen, dann wollen sie sich eine Krankheit kaufen. Das mag dich erstaunen, aber es ist so. Wenn sie dann ein paar Stunden ein bisschen leiden können, dann wissen sie, wie schön es ist, gesund zu sein. Und wie bekomme ich jetzt meine Blasen los? wollte Anna wissen. Nichts leichter als das. Geh zum Fluss hinunter und dort brauchst du nur deine Füße ins Wasser zu halten und schon sind sie weg. Anna tat, was der Apotheker ihr empfohlen hatte. Kaum hatten ihre Füße das Wasser berührt, da waren die Blasen weg und sie konnte wieder laufen, dass es nur so eine Freude war.
Als sie am Ufer ein wenig ausruhte, um über das alles nachzudenken, was sie erlebt hatte, sah sie ein paar Fischer am gegenüberliegenden Ufer. Doch diese hielten ihre Netze nicht, wie üblich, unter das Wasser sondern darüber. Und die Fische, die sich sonst nur mühsam fangen ließen, hüpften ihnen in die Netze als würden sie sich darauf freuen, gefangen und verspeist zu werden.
Der Fußmarsch hatte Anna richtig müde gemacht. Ein paar Schritte weit probierte sie ihre neugeborenen Füße aus und freute sich über den prächtigen Heilerfolg. Das reichte ihr. Sie setzte sich ins Gras, ließ sich langsam nach hinten sinken und streckte alle Viere von sich. Während sie die Augen schloss, um sich auszuruhen, fiel ihr ein, dass sie ja auf ihrer Wanderung noch gar keine Musik aus ihrem Walkman gehört hatte. Und noch immer verspürte sie nicht die geringste Lust dazu. Außerdem hatte sie das Gefühl, dass zwischen der Musik, die sie so gerne hörte, und ihrem Ausflug in diese fremde Welt ein Zusammenhang bestehen musste. Wenn sie jetzt Musik hören würde, könnte es passieren, dass sie wieder irgendwo landete, wo sie gar nicht hin wollte.
Sie kam eigentlich ganz gut ohne Musik aus. Denn was sie um sich herum hörte, fand sie viel spannender. Die Vögel warfen quietschvergnügte Melodien in die Luft und jagten ihnen nach, als wollten sie sie vorm Verklingen noch erwischen. Die Sonne schien wie hitzefrei und ein paar kleine Wölkchen räkelten sich oberfaul am Himmel. Doch vermutlich waren die viel zu hoch, als dass der Wettermacher sie hätte einfangen können.
Statt Musik zu hören, dachte sie lieber an diese seltsamen Fische, die den Fischern ins Netz hüpften. Sie stellte sich vor, was wohl die Hühner vorm Mittagessen in diesem Lande täten. Die kommen sicher in die Küche, schütteln sich mal kurz kräftig, so dass die Federn in der ganzen Küche rumfliegen. Dann hüpfen sie auf den Tisch, wo der Mikrowellenherd steht, stellen die Garzeit ein, schlüpfen in den Herd und machen die Tür hinter sich zu. Und wenn sie danach nicht tot wären, dann würden sie bestimmt wie ein Kuckuck aus seiner Schwarzwalduhr herausschießen und melden, dass sie jetzt fertig gegrillt seien. Das mit den Fischen glaubt mir sowieso keiner, wenn ich das nach meiner Rückkehr in die Menschheit jemandem erzähle. Dann schadet es auch nichts, wenn ich ein paar Hühner, die sich selber grillen, dazu erfinde.
Sie lies ihre Gedanken zur Stadt hinüber wandern und überlegte, als sie die Turmuhr zwölf schlagen hörte, was die Leute wohl um die Mittagszeit machen würden. Wie würden sie sich jetzt vom Nichtstun ausruhen? Aber aufstehen und nachschauen, das wollte Anna nun auch wieder nicht, dazu war sie viel zu faul. Im Moment genoss sie es, im Gras zu liegen und kleine, weiße Wölkchen anzuschauen und ihnen ihre Bitte hoch zu schicken, sie möchten doch so gut sein und sich von dem Wettermacher fangen lassen. Sehr regenfreudig sahen sie allerdings nicht aus.
Anna musste eingeschlafen sein. Als sie die Augen aufschlug und zum Kirchturm schaute, sah sie, dass es mittlerweile halb zwei geworden war. Sie verspürte Hunger und war sich sicher, dass es in diesem seltsamen Land nicht sehr schwierig sein dürfte, irgendwo was zu essen zu bekommen. Sie erinnerte sich, als sie durch die Stadt gegangen war, dass sie unweit der Apotheke ein Wirtshaus bemerkt hatte. Dort ging Anna hin, und bald stand sie vor einem Haus, auf dem mit dicken Buchstaben stand:
T E U F E L S K Ü C H E . Das klang nach Paprika und Pfeffer und nach noch anderem teuflischen Zeug, das Papa auf seiner Pizza hatte, wenn er beim Italiener Pizza alla diabolo bestellte. Wenn er die dann aß, machte er ein Gesicht, als könnte er Feuer speien und kam sich dabei wie ein Teufelskerl vor. Hier war sie richtig. Wie oft hatte ihr Vater zu ihr gesagt, sie solle zum Teufel gehen mit ihren Extrawürsten. Jetzt stand sie vor seiner Küche und wollte wissen, wie Extrawürste schmecken.
Anna blieb eine Weile vor dem Haus stehen und freute sich über vier wohlgenährte Herren, die vor dem Wirtshaus an einem runden Tisch saßen und Karten spielten. Es waren der Pfarrer, der Polizeichef, der Bürgermeister und der Wirt, die allesamt mal wieder nichts zu tun hatten, weil sich ihre Arbeit von selbst erledigte. Dann fiel Anna ein Schild auf, auf dem ein merkwürdiger Spruch zu lesen war:
Willst du in der Hölle sein, dann komm in Teufels Küche rein. Kartoffeln, Suppe und der Braten, sind garantiert missraten. Und jedem, der hier bei uns zecht, wird`s mindestens drei Tage schlecht.
In einem Land, in dem alles, was die Leute anpackten, glücklich ausgehen musste, konnte man jemand nur in ein Wirtshaus locken, wenn man ihm ein Mittagsmahl in Aussicht stellte, bei dem es einem so richtig schlecht werden sollte. Au fein, dachte Anna, vielleicht grillen sie hier meinen kleinen Bruder, diesen Teufelsbraten. Doch es gab Fisch und danach Hühnchen und Anna schmeckte es vorzüglich. Sie stopfte sich so voll, dass sie sich fühlte wie ein zum Platzen aufgeblasener Gorilla aus Gummi.
Anna hatte den Mund noch voll als sie den Wirt fragte, was sie ihm schuldig sei. Insgeheim befürchtete sie, den Preis für das Essen als Dienstmagd in Teufels Küche bei diesem schleimigen und vollgefressenen Wirt abarbeiten zu müssen, denn sie hatte ja kein Pfennig (Cent) Geld dabei. Bei diesem Gedanken wurde ihr etwas unwohl in der überfüllten Magengegend. Aber der Wirt lachte sie nur an und antwortete ihr. Ist schon alles bezahlt. Von wem? wollte Anna wissen. Ein älterer Herr war hier. Der hat mir gesagt, demnächst käme ein Mädchen in unsere Stadt und die würde man an dem lustigen Jäckchen erkennen. Und wenn die etwas zu essen wünsche, dann solle ich ihr es geben. Wie sah denn dieser ältere Herr aus? Ganz eigenartig. Anzug nannte er das, was er als Wams trug und eine Krawatte bezeichnete er dieses Stoffband, das er sich um den Hals gewunden hatte. Ich wollte ihm ja auch zuerst nicht über den Weg trauen. Aber wenn jemand für etwas bezahlt, was er noch gar nicht bekommen hat, dann nimmt man das doch gerne. Man ist ja schließlich Geschäftsmann. Seine Worte beendete der Wirt mit einem Lachen, bei dem der ganze Bauch wie ein Wackelpudding schwabbelte. Während der Wirt seine Beschreibung fortsetzte, wurde Anna klar, von wem er da Besuch bekommen hatte. Es war genau jener seltsame Mann, mit dem sie sich damals auf der Parkbank unterhalten hatte. Da es sich Anna längst abgewöhnt hatte sich über irgend etwas zu wundern, schwieg sie und nahm das Geschenk dankbar an. Wenn das schöne Fräulein wünscht, ein kleines Schläfchen zu machen, ich habe oben eine Kammer hergerichtet. Anna wusste nicht, ob sie das Angebot annehmen sollte. Wenn ich mich jetzt noch mal schlafen lege, dachte sie sich, dann werde ich hier nicht sehr weit kommen. Doch wenn ich jetzt, wo ich so randvoll satt bin, nicht noch eine Portion Schlaf nehme, werde ich auch nicht viel weiter kommen. Also, was soll`s. Ich schmeiß mich noch mal in die Kissen und dann hab ich Kraft genug, soweit zu gehen, wie mich meine Füße tragen.
Anna hatte noch nicht sehr lange geschlafen, da wurde sie von einem entsetzlichen Gepolter geweckt. Es klang, als wäre vor ihrer Tür die Decke auf die Treppe gekracht und hätte sie in tausend Stücke zerschlagen. In Wirklichkeit war es aber nur der Wirt. Der nämlich war ein rechter Gauner und versuchte jeden Gast, der bei ihm abgestiegen war, während er schlief, auszurauben. Dabei stürzte er jedes Mal die Treppe herunter und das machte einen solchen Höllenlärm, dass die Gäste, die den Wirt nicht näher kannten, dachten, er sei in seiner Küche explodiert. Hätte Anna von den hinterhältigen Absichten des Wirtes gewusst, sie hätte Angst um ihren Walkman gehabt. Was anderes hatte sie ja nicht bei sich, was man ihr hätte klauen können.
Die Gäste am runden Tisch vor dem Wirtshaus jedoch wussten Bescheid, lachten nur und ließen sich nicht weiter stören. Ihnen war klar, dass der Wirt, solange er krabbeln konnte, niemals von seinen vergeblichen Raubversuchen ablassen würde. Er wollte einfach nicht wahrhaben, dass er zu dick geworden war, um die kleine, steile Treppe, die zu den Kammern hinauf führte, noch zu schaffen. Außerdem war er den ganzen Tag über immer leicht angetrunken. Und weil er auch die Treppe zu seinem Schlafraum nicht mehr hoch kam, schlief er einfach irgendwann hinter dem Tresen ein und ließ sich morgens von den ersten Gästen wecken. Da Anna nun schon mal wach war, stand sie auf und ging vorsichtig die enge Treppe herunter. Sie trat vor das Wirtshaus, wo die vier beleibten Herren noch immer beim Kartenspiel saßen und sich langsam ihrem allabendlichen Dämmerzustand entgegen tranken. Vorsichtig fragte sie den Wirt, ob ein kräftiger Schluck Limonade im Preis noch inbegriffen sei. Aber sicher, mein Kind. Wir müssen sowieso mit unserem Spiel aufhören, weil die Drei da, dabei deutete er mit dem Kopf auf seine Gäste, sich noch die wöchentliche Rede anhören müssen. Und mit einem schäbigen Grinsen fuhr er fort: Sie werden sich sicher mal wieder blendend langweilen dabei. Dann ging ein Ruck durch den Wirt und mit den Worten Und schon eile ich, dir die Limonade zu holen verschwand er schneller, als man es ihm zugetraut hätte, im Haus. Anscheinend hatte ihm das schlechte Gewissen Beine gemacht. Das Eingießen der Limonade musste dem Wirt ziemliche Schwierigkeiten machen. Jedenfalls schepperte und klirrte es ein paar Mal wie wild im Inneren des Wirtshauses. Dann waren einige kräftige Flüche zu hören.
Anna wollte wissen, was das denn für eine Rede sei, die die Drei unbedingt hören mussten. In Wirklichkeit interessierten sie Reden nicht die Bohne. Reden fand sie einfach scheußlich. So scheußlich wie Klavierstunden oder Wandertage. Sie wollte sich mit den drei Männern nur ein bisschen unterhalten. Der Pfarrer und der Polizeichef wurden plötzlich ganz verlegen und mussten dringend Fliegen in ihrem Bierglas suchen. Nur der Bürgermeister schaute sie an und zog langsam die Augenbrauen über die Stirn. So hoch, dass er Augen wie Kaffeetassen bekam. Er verzerrte seinen Mund und machte ein Gesicht, als habe er gerade einen Regenwurm verschluckt. Richtig leidend sah er aus. Die Reaktion der Männer machte Anna mit einem Mal ganz neugierig auf diese Rede. Jetzt wollte sie die auch hören. Wenn in diesem Land wirklich alle so glücklich waren, warum war dann diesen Männern das Anhören einer langeiligen Rede so unangenehm. Reden anhören und dabei ein interessiertes Gesicht machen, das macht man doch mit links, vor allem, wenn es zum Beruf gehört und man Geld dafür bekommt. Könntet ihr mich mitnehmen zu dieser Rede? Klar kannst du mitkommen meinte der Bürgermeister. Unser Minister wird Augen machen, wenn er so einen schrägen Vogel wie dich unter seinen Zuhörern sieht.
Nachdem Anna ihre Limonade in sich hineingestürzt hatte, machte sie sich mit den drei Männern auf den Weg zum Marktplatz, wo der Minister seine Rede halten sollte. Der Wirt blieb lieber zu Hause. Das viele Bier hatte seine Knie weich und seine Beine wacklig gemacht.
Anna ging jetzt das dritte Mal durch die kleinen und engen Gässchen der Stadt. Doch inzwischen gefielen sie ihr schon nicht mehr so gut wie beim ersten Mal. Plötzlich störte sie die Sauberkeit der Häuser und die Trägheit der Einwohner und sie kam Heimweh nach ihrem unaufgeräumten Zimmer. Die Leute hier gingen nicht, sie setzten nur einen Fuß vor den anderen, um nicht mit dem Gesicht auf das Kopfsteinpflaster zu fallen. Sie suchte die Blumenkästen, die es auf jedem Balkon gab, nach verwelkten Blumen ab. Aber die Geranien und Petuninen hatten nichts besseres zu tun, als sie in unverschämt grellen Farben anzugrinsen. Sie hätte sich nicht gewundert, wenn irgendwo auf einem Schild gestanden hätte:
Wonneberg ist Sieger im Wettbeweb UNSRE STADT SOLL SCHÖNER WERDEN
Das Städtchen sah aus wie auf dem Bild, das bei ihnen zu Hause auf dem Klo hing. Plötzlich zog sie der Polizeichef am Ärmel und deutete auf die andere Straßenseite. Schau mal, da drüben. Da läuft Felix, der Hühnerdieb. Anna sah einen spindeldürren Hansel in viel zu kurzen Hosen. Er glich einer Vogelscheuche und trug ein Huhn unter dem Arm. Das Huhn schien sich bei ihm wohl zu fühlen, es machte einen zufriedenen Eindruck und schien nichts dagegen zu haben, geklaut zu werden. Warum verhaften sie den jetzt nicht? wollte Anna wissen. Ach woher denn! Bei uns regelt sich so was von selbst. Richtige Diebe gibt es hier schon lange nicht mehr. Aber der Besitzer von dem Huhn wird jetzt sicher ganz traurig sein, weil ihm ein Huhn fehlt. Aber nein, wo denkst du hin? Wenn Felix das Huhn zu Hause abgesetzt hat, läuft es schnurstracks zurück in seinen Stall. Dem Felix reicht die Bestätigung, dass er der beste Hühnerdieb der ganzen Gegend ist und die Besitzer des Huhns freuen sich so sehr über das heimgekehrte Tier, dass sie sofort einen leckeren Braten aus ihm machen.
Es waren nur wenige Leute unterwegs zum Marktplatz. Die Einwohner von Wonneburg schienen an dem, was Annas drei Begleitern so Bauchweh machte, kein großes Interesse zu haben. Als sie am Marktplatz eintrafen, sah Anna etwas, was ihr außerordentlich gefiel. Vor dem Rathaus stand ein Kinderchor auf einem Podest. Davor fuchtelte ein kleines, kugelrundes Männlein mit beiden Armen in der Luft herum, dass Anna im ersten Moment dachte, er sollte standrechtlich erschossen werden. Es war aber blos der Dirigent. Was die Kinder da sangen, klang noch viel jämmerlicher als das, was Anna von den Soldaten im Wald gehört hatte. Auf der Bühne herrschte ein solches Durcheinander, dass es unmöglich war, einen Text zu verstehen. Mehr als die Worte ...Herrn, ...von fern, ...so gern, ...wie ein Stern konnte sie nicht heraushören. Da waren diese röhrenden Monster auf ihren Krawallkassetten ja die reinsten Chorknaben dagegen. Ist das nicht herrlich, wie die Kinder da singen. Das Lied hat unser Stadtschulmeister zur Begrüßung des Ministers selbst geschrieben. Von wegen herrlich, absolut bescheuert war das. Nicht mal ruhig stehen konnten die Kinder. Wie Ertrinkende reckten sie die Hälse in die Höhe und traten von einem Fuß auf den anderen, als müssten sie dringend aufs Klo. Dann schritt der Bürgermeister im vollen Bewusstsein der Würde seines Amtes ans Pult. Mit wohlgesetzten Worten begrüßte er einen Mann in einem weißen Umhang. Der stand so unbeweglich hinter ihm, dass Anna dachte, er wäre aus Marmor.
Einmal hatte Anna etwas Ähnliches gesehen. Damals musste sie mit ihrer Oma die Oper Die Zauberflöte ansehen. Sie langweilte sich schrecklich dabei und als sie zwischendurch aufwachte, standen lauter ehrwürdige Greise in langen Nachthemden auf der Bühne und sangen etwas furchtbar Langsames. Zu uns spricht heute der Minister für Glücklichsein und Wohlergehen, unser verehrter Freund Morando, der Erhabene. Der Mann in dem Nachthemd trat dann ans Rednerpult und machte dabei ein so ernstes Gesicht, dass Anna fast lachen musste. Sicherheitshalber verkniff sie sich das. Darin hatte sie Übung. Hoffentlich fängt der jetzt nicht an zu singen, dachte Anna. Denn mit Gesang hatte Anna bis jetzt keine guten Erfahren in diesem Land gemacht. Doch der marmorne weiße Riese sang nicht. Mit tiefer Stimme aber wie ein kleines Kind, das ein Muttertagsgedicht aufsagen muss, begann er seine Rede.
Liebe Bürgerinnen und Bürger von Wonneburg!
Wieder liegen zwei glückliche Wochen hinter uns, zwei Wochen voller Wohlergehen und Freude. Und wem habt ihr das alles zu verdanken? Uns, den Zwergen vom baldigen Weiß, Verzeihung, uns den Balden vom weißigen Berg, äh, vom werkigen Bald. Ich darf euch die Damen meiner erhobenen Mitbrüder versprechen, dass wir alle in eine noch viel zukünftigere Glücklichkeit entgegensehen dürfen. Wir werden nichts unveranlasst suchen, euch, liebe Mitbürger, zwei freudige Leben in völliger Wochenlosigkeit zu vergeben. Meine Freunde, die miterhobenen Wohlergehensbrüder begrüßigen Euch, und bewünschen alle Wonnebürger mit einem befreudigtem Wohlergehensleben.
Reden erträgt man am besten durch Weghören. In der Menschenwelt lernen Kinder das schon sehr früh in der Schule, weil ihnen Lehrer Sachen erzählen, die entweder blanker Unsinn sind oder einen nichts angehen. Deshalb wusste Anna, wie man das macht. Man schaut interessiert in die Gegend und vertraut sich seinen Gedanken an. Doch Anna hielt das nicht lange durch. Als der Plappergreis da vorne am Rednerpult immer mehr ins stolpern kam, wurde sie stutzig. Sie traute ihren Ohren nicht. Ganz langsam näherte sie sich dem Punkt, wo sie beinahe geplatzt wäre vor Lachen. Aber die Leute um sie herum machten Gesichter wie auf einer Beerdigung. Ihr war es unerklärlich, warum nicht alle Leute vor Lachen explodierten. Das ist vielleicht ein Hirni, dachte sich Anna. Der redet ja wie ein Roboter, dem jemand Whisky ins Programm geschüttet hat.
Jetzt verstand sie auch, dass die Einwohner, die alle zwei Wochen so eine Rede über sich ergehen lassen mussten, das irgendwann einfach nicht mehr ertragen konnten. Bestimmt hatten die Weisen den Leuten das Lachen verboten. Anna durchfuhr es wie ein Blitz. Das ist es, worunter die Leute hier leiden: Glücklichsein ohne lachen zu dürfen. Die Leute hier sind alle glücklich, aber sie merken es nicht mehr. Aber sind die überhaupt glücklich? Ist das Glück, wenn man nur vor sich hindämmert? Wenn ich hier nicht bald verschwinde, dann werde ich vielleicht auch so und merke das nicht einmal. In Annas Nähe stand eine Frau in mittleren Jahren. Anna fiel das freundliche Gesicht auf. Die anderen Zuhörer standen da, regungslos wie Parkuhren. Doch diese Frau schien gemerkt zu haben, dass Anna nur mit Mühe ihr Lachen unter Kontrolle halten konnte. Sie legte den Finger an den Mund und bedeutete Anna, ruhig zu bleiben. Die Frau lächelte sie an als hätte sie darauf gewartet. Darf ich sie etwas fragen? Ja sicher, aber bitte nicht hier. Gehen wir ein paar Schritte? Klar, gerne. Als die beiden weit genug vom Marktplatz entfernt waren, begann die freundliche Frau: Ich kann dir leider nicht sehr viel sagen. Ich darf es auch nicht. Außerdem ist meine Zeit sehr knapp, denn meine Tochter wartet auf mich. Vielleicht hast du sie gesehen. Sie hat im Kinderchor gesungen. Aber soviel solltest du wissen: Diese Weisen, von denen du eben einen gehört hast, haben uns beileibe nicht das Glück gebracht, das sie uns versprochen haben. Das mag sich seltsam für dich anhören. Aber wenn du dich in unserem Land umschaust, wirst du merken, was ich damit meine. In Wirklichkeit haben diese Weisen uns das Glück geraubt, indem sie es uns gebracht haben. Wenn du mehr wissen willst, dann suche den Wald der Verfemten. Wir dürfen da nicht hin. Aber mit dir ist es etwas anderes. Du hast ein Zaubermittel und mit dem kannst du dich aus jeder Not befreien. Die Frau sprach ohne Unterbrechung und Anna hatte keine Möglichkeit, sie etwas zu fragen. Ich weiß, du willst wissen, wie du da hin kommst. Gehe zu Lewar, dem Pferdehändler. Sag ihm, Ananga hätte dich geschickt und er solle dir helfen. Anna wagte nicht, die Frau anzuschauen, während sie sprach. Zu gerne hätte sie noch gewusst, wie sie diesen Lewar finden sollte. Aber plötzlich stand sie allein auf der Straße. Von Ananga, der freundlichen Frau, war weit und breit nichts zu sehen.
Es brauchte nur jemand in Annas Nähe mit Heu zu rascheln oder im Umkreis von zwanzig Metern das Wort Pferd fallen lassen, und schon hämmerte ihr Herz wie ein wildgewordener Präriehengst und in ihrem Körper breitet sich ein sehnsüchtiges Kribbeln aus. Reiten, das hatte sie sich schon immer gewünscht. Aber wenn sie ihren Eltern damit kam, dann bekamen sie versteinerte Gesichter, schalteten auf stur und fragten sie, ob sie ihre Hausaufgaben schon gemacht hätte. Der Geruch von Pferden war ihr lieber als das schickste Parfum. Diesen Lewar musste sie so schnell wie möglich kennen lernen. Ihr war nur nicht klar, welche Richtung sie einschlagen sollte. Es schien ihr das Beste, einfach die Straße, auf der sie sich befand, weiter zu gehen. Wenn sie auch im Moment völlig menschenleer war, irgendwann würde sie schon jemand treffen, den sie nach dem Weg fragen konnte. Die Straße führte Anna aus der Stadt heraus. Manchmal waren ihre Augen schneller als die Füße. Um jede Biegung, die das Tal machte, versuchte sie schon von weitem herumzusehen. Aber soweit sie auch schaute, von einer Pferdekoppel oder einem Stall war weit und breit nichts zu sehen. Sie war schon ein schönes Stück weit gegangen, da bemerkte sie von weitem ein kleines Haus. In so einem schönen, einsamen Haus müsste man wohnen, dachte Anna. Da gäbe es keine blöden Nachbarn, auf die man dauernd Rücksicht nehmen müsste. Und eine Schule wäre so weit weg, dass sich der Weg dorthin gar nicht lohnen würde.
Noch immer hatte sie auf ihrem Weg keinen einzigen Menschen getroffen, den sie hätte nach Lewar fragen können. Deshalb schien es ihr das Beste, zu dem Haus zu gehen. Dort wollte sie anklopfen und sich nach dem Weg zu Lewar erkundigen.
Als Anna dann vor dem Haus stand, fand sie es noch viel schöner, als sie es sich aus der Ferne ausgemalt hatte. Es war über und über mit Efeu bewachsen. Davor war ein großer, verwilderter Garten, in dem es nur so grünte und wucherte. Anna versuchte sich vorzustellen, was ihr Vater wohl mit diesem Garten angestellt hätte. Der wäre bestimmt sofort mit dem Rasenmäher gekommen und hätte dem Rasen eine gnadenlose Glatze verpasst. Dem Rest des Gartens wäre er dann mit einem Unkrautvernichtungsmittel zu Leibe gerückt. Ein Garten muss ordentlich aussehen, er ist die Visitenkarte eines jeden Hausbesitzers. Vorsichtig öffnete Anna das Garagentor. Sie wollte gerade auf die Haustür zugehen, da bemerkte sie ein uraltes Paar, das vor dem Haus auf einer Bank saß. Beinahe hätte sie die beiden übersehen. Sie saßen so regungslos da, dass man denken konnte, sie seien festgewachsen. Anna legte sich die höflichsten Sätze, die sie kannte, zurecht, und entschuldigte sich für ihr Eindringen. Die beiden Alten schauten sie aber mit einer solchen Freundlichkeit an, dass Anna merkte, dass ihre Verlegenheit völlig unnötig gewesen war. Es ist schön, dass du gekommen bist. Wir bekommen so selten Besuch begrüßte sie die alte Frau. Seit sieben Jahren hat uns niemand mehr besucht ergänzte sie der alte Mann. Sieben Jahre sitzen wir hier vor dem Haus und warten, dass jemand vorbei kommt. Aber es kommt niemand fuhr die Alte fort. Ich wollte nur etwas fragen meinte Anna schüchtern. Sie spürte jedoch, dass sie hier nicht nur kurz nach dem Weg fragen und dann weiter ziehen konnte. Willst du nicht hereinkommen? Sicher hast du Hunger und Durst. Anna hatte weder Hunger noch Durst, aber ihr war klar, dass es ihre Gastgeber kränken würde, wenn sie das Angebot ablehnte. Hunger nicht, aber Durst ein wenig antwortete sie. Willst du nicht hereinkommen und dich ein wenig stärken? Meine Frau wird dir einen Tee zubereiten, wie du ihn in deinem Leben noch nicht getrunken hast. Als Anna mit den beiden Alten das Haus betrat, verschlug es ihr fast den Atem. Das Innere des Hauses bestand aus einem wunderschönen, großen Zimmer. Der Raum war vollgestopft mit allerlei Erinnerungskram und Pflanzen. An den Wänden hingen unzählige kleine Bilder und mindestens zehn Uhren in verschiedenen Größen. Die kleinen Fenster ließen nur wenig Sonnenlicht ins Innere. Außer einem Kamin war alles aus Holz. Anna fühlte sich sofort wohl hier, denn der ganze Raum war von einer wunderbaren dunklen, tiefgoldenen Farbe erfüllt.
Sie kam sich fast ein bisschen schäbig vor. Sie traute sich nicht, diesen beiden freundlichen Menschen zu sagen, dass sie möglichst schnell wieder weiter ziehen wollte. Das Ehepaar lud sie ein, an einem großen, runden Tisch, der in der Mitte des Raumes stand, Platz zu nehmen und setzten sich zu ihr. Ist es nicht schrecklich langweilig, wenn man so weit weg von der Stadt wohnt und niemand einem besuchen kommt? wollte Anna wissen. Wir kennen keine Langeweile. Wir sind es gewohnt, alleine zu sein. So wie es ist, ist es gut. Wir beide sind alt, aber wir sind zufrieden mit unserem Leben. Erklärte die alte Frau. Jetzt möchtest du doch sicher etwas Tee, oder? Anna nickte zustimmend und ließ sich einschenken. Der Tee war dunkel, heiß und duftete verschwenderisch. Schon mit dem ersten Schluck spürte Anna, wie eine wohltuende Wärme ihren Körper durchströmte. Ich werde dir etwas Musik zu deinem Tee machen sagte der Alte. Er stand auf, kramte in einer alten Kommode und kam mit einer Spieluhr wieder zurück an den Tisch. Die Musik, die aus dem Instrument kam, war nichts für Annas Ohren. Sie klang schräg und verstimmt und schepperte. Es musste wohl an dem Tee liegen, dass sie die Klänge der Spieluhr nicht als unangenehm empfand. Aber schön fand sie das auch nicht. Aber weil die Alten so freundliche Menschen waren, machte sie ein scheinheiliges Gesicht zu der Spieldosenmusik und tat, als schwebte sie im siebten Himmel.
Langsam durchdrang der Tee wie eine wohltuende Medizin ihren ganzen Körper. Herrlich träge fühlte sie sich und wundervoll müde. Jetzt bin ich so glücklich wie alle Leute in diesem Land, dachte Anna, und wusste gar nicht, wie schön das sein kann. Sie musste ihren Kopf aufstützen, um nicht mit dem Gesicht auf den Tisch zu fallen. Plötzlich machte sie eine schreckliche Entdeckung. Sie sah, dass der Tisch nicht mehr der Tisch war, an dem sie eben noch gesessen war. Er hatte sich verändert, ohne dass sie es gemerkt hatte. Sie saß nicht mehr vor einem Tisch sondern vor einem Klavier mit weißen und schwarzen Tasten. Aber diese Tasten waren keine normalen Tasten. Richtig unheimlich kamen sie Anna vor. Sie sahen aus wie die Zähne eines Raubtieres, das Hunger auf sie hatte. Was hatten die beiden Alten blos angestellt mit ihr. Zum ersten Mal bekam sie Angst in diesem Land. Das darf doch nicht wahr sein, dachte sie, hier sind doch alle Menschen glücklich und zufrieden. Eine scharfe Stimme schreckte sie auf. Du bist nicht hergekommen, um zu faulenzen. Reiß dich zusammen und setz dich ordentlich hin. Du hast jetzt Klavierstunde. Und du wirst dieses Haus nicht mehr verlassen, bis du das Stück, das dir mein Mann gleich zeigen wird, fehlerfrei spielen kannst. Das war nicht mehr die sanfte und freundliche Stimme der Alten, die das sagte. Diese Stimme war beißend und tat weh. Sie klang als käme sie aus einer Blechdose. Voller Entsetzen dreht sich Anna um. Was sie sah, traf wie ein Keulenschlag. Da stand nicht mehr die freundliche Alte hinter ihr und wollte Tee eingießen. Anna blickte in das bösartige Hexengesicht von Frau Wühlisch, ihrer Nachbarin aus der Menschenwelt. Sie hatte ein Lineal in der Hand und schaute Anna an wie ein Scharfrichter.
In der Zwischenzeit hatte der Alte einen zerfledderten Notenband aus der Kommode geholt. Er schlug ihn auf und stellte ihn vor Anna. Auch er war nicht mehr der freundliche Alte, der ihr eben noch Tee eingeschenkt hatte. Er sah aus wie ihr Mathematiklehrer, der die Hefte für die Klassenarbeit austeilt, für die Anna nichts gelernt hatte. Die Alte durchbohrte Anna mit stechenden Augen und deutete mit dem Lineal auf die Noten. Spiel das hier! Anna versuchte sich zu wehren. Das sind keine Noten jammerte sie, das sind lauter Linien aus Stacheldraht. Das könnt ihr doch nicht mit mir machen. Wir sind deine Lehrer und Lehrer dürfen alles herrschte sie die Alte an. Du bist ohne Erlaubnis in unser Land eingedrungen und du kommst erst wieder heraus, wenn du dieses Stück fehlerfrei spielen kannst keifte sie die Alte an. Anna überlegte, ob sie aufspringen und zur Tür rennen sollte. Doch da ging plötzlich die Tür auf und ein Fernsehteam betrat die Wohnung. Es waren drei Leute, ein Kameramann, einer der ein Mikrophon in der Hand hielt und ein Regisseur. Gott sei Dank sagte Anna, ganz laut, um sich Mut zu machen. Jetzt klärt sich alles auf und ich bin erlöst. Das ist alles nur ein Spaß hier. Von wegen Spaß unterbrach sie der Regisseur. Deine Eltern haben uns geschickt. Wir wollen einen Film über dich drehen, einen Film der alle Kinder abschrecken soll, die vorhaben, aus der Menschenwelt abzuhauen. Aber ich hab doch niemand was getan versuchte sich Anna zu verteidigen. Du hast deinen kleinen Bruder gequält sagte der Mann mit dem Mikrophon. Dann deutete er auf ein Tonbandgerät, das er umgehängt hatte. Ich habe seine Angstschreie hier auf dem Band. Du hast dein Zimmer nicht aufgeräumt meinte der Kameramann ich habe alles gefilmt. Dabei deutete er auf seine Kamera. Du hast deine Nachbarin beleidigt und ihren Hund geärgert sagte die Alte. Du hast uns für dumm gehalten ergänzte der Alte. Das war doch nur so in Gedanken jammerte Anna. Das reicht für eine Verurteilung. Wir können nämlich Gedanken lesen. Gedanken sind die Vorstufen von Taten und schlechte Gedanken sind die Vorstufen von Verbrechen. Und jetzt wirst du für deine schlechten Gedanken bestraft. Du wirst so bestraft, wie man es mit uns bei Kindern macht, die über Erwachsene Schlechtes denken. Kinder sollen erst mal was Vernünftiges lernen, bevor sie das Maul sufreißen. Der Alte machte sich noch mal an der Spieluhr zu schaffen und ließ die scheppernde Melodie wieder von vorne beginnen. Mit einem teuflischen Gesicht beugte er sich zu Anna herunter und kam ihr dabei so nahe, als wollte er sie mit seinem Mundgeruch vergiften. Hör dir diese Melodie an. Und dann spiele sie nach! Wehe, du machst auch nur einen einzigen Fehler dabei. Diesmal waren es keine zirpenden und verstimmten Töne, die die Spieluhr von sich gab. Es waren Klänge wie Peitschenhiebe und sie drangen auf Anna ein, als würde jemand mit kleinen Messern nach ihr werfen. Die Frau schlug mit dem Lineal den Takt dazu auf das Klavier. Während Anna die beiden Alten mit Augen, die um Gnade flehten, anschaute, hörte sie es im Gebälk ticken und klopfen, erst vereinzelt, dann steigerten sich die Geräusche zu einem tausendfachen Knistern und Hacken. Das müssen Totenwürmer sein, die von innen das Holz auffressen. Die Pflanzen bewegten sich, als wären sie lebendig geworden und auf ihren Blättern waren kleine Blasen zu sehen. Sie wurden immer größer und sprangen mit einem leisen und kurzen Zischen auf. Heraus krochen lauter kleine Insekten, die von den Pflanzen herunter krabbelten und sich allmählich auf dem ganzen Fußboden ausbreiteten. Anna wollte schreien, ganz laut schreien, um diesem Spuk ein Ende zu machen. Doch bevor sich ihre Angst in einem Schrei entlud, musste sie plötzlich an Ananga, diese freundliche Frau, denken. Hatte sie ihr nicht gesagt, sie hätte ein Zaubermittel bei sich. Da durchfuhr sie ein Gedanke. Mein Walkman, meine Musik! Sie hielt sich die Hände an die Ohren und tat so, als hätte sie schreckliche Schmerzen. Dann brüllte sie die beiden Alten an, mit voller Kraft: Ich habe Ohrenschmerzen, entsetzliche Ohrenschmerzen! Red nicht so ein Quatsch fuhr die Alte dazwischen. Bei uns gibt es keine Krankheiten. Ich bin doch niemand von euch schrie Anna weiter. Ich habe meine Medizin dabei. Ihr müsst mich nur zwei Minuten in Ruhe lassen. Dann geht es mir wieder gut und ich mache alles, was ihr wollt. Von mir aus sagte der Alte. Aber nur zwei Minuten, keine Sekunde länger. Anna griff sich ihren Walkman. Die Kassette mit ihrer Lieblingsmusik lag noch drin. Kaum hatte sie die ersten Töne gehört, da war ihre Angst wie weggeblasen. Es war das Lied Time Chanel, das sie hörte. Sie hatte gerade die Stelle erwischt, wo der Junge, der mit einem Raumschiff in einer fernen Galaxie verschwunden war, ihr zurief, sie solle zu ihm kommen, es sei wunderschön dort. Anna hatte die Augen fest verschlossen, während sie die Musik hörte. Und sie hörte immer weiter und weiter. Sie konnte sich gar nicht satt hören an der Musik, so sehr hat sie sie vermisst. Im selben Moment, wie Anna spürte, dass ihre Angst verschwunden war, fühlte sie auch wieder jene Kraft, die sie in der Menschenwelt über Wälder und Wiesen fliegen ließ, in sich wachsen. Jetzt konnte nichts mehr passieren, wenn sie die Augen aufschlug. Anna öffnete die Augen. Als sie sich umschaute, durchfuhr sie ein freudiger Schrecken. Hinter ihr kniete der freundliche Alte und hatte den Arm um ihre Schulter gelegt. Die Alte saß am Tisch und schaute sie mit sorgenvoller Miene an. Sie war wirklich wieder die warmherzige, alte Frau, die Anna auf der Bank vor dem Haus kennen gelernt hatte. Nicht im entferntesten hatte sie Ähnlichkeit mit Frau Wühlisch. Kein Fernsehteam war mehr zu sehen. Die Pflanzen machten ganz unschuldige Gesichter und sahen aus, als wären nie Insekten aus ihren Blättern gekrochen. Gottlob, es geht ihr gut. Die Alte atmete erleichtert auf. Sie lebt, sie lebt. Sie ist von den Toten auferstanden jubelte der Alte und tanzte dabei im Zimmer umher, als sei er kein steinaltes Männlein sondern ein übermütiger Knabe. Du hast es überstanden freute sich die Alte. Was habe ich überstanden? wollte Anna wissen. Na, unseren zauberhaften Tee. Zauberhaft nennt ihr das? Das war der totale Horror. Nie und nimmer wärst du uns ins Haus gefolgt und hättest unseren Tee getrunken, wenn wir dir vorher gesagt hätten, was mit dir passiert, wenn du von ihm trinkst. Anna fühlte sich, als hätte sie drei Tage in der Sauna zugebracht und sei danach in einem verschneiten Wald ausgesetzt worden. Ihr saßen noch viele kleine Schrecken in den Gliedern. Irgend einen Zauber konnte sie beim besten Willen nicht spüren. Was war denn mit diesem Tee los? Geschmeckt hat er recht super, aber was danach abging, das war voll die schrille Nummer. Die Hölle war das, wenn ihr`s wissen wollt. Es tut uns Leid, wenn du gelitten haben solltest. Bei Menschen, die nichts im Kopf haben, bewirkt dieser Tee gar nichts. Sie trinken ihn, schlafen wie ein kleines Kind nach dem Abendessen und wachen als dieselben, die sie waren, wieder auf erklärte ihr die Alte. Hätten wir dich nicht in die dunkle Höhle deiner Träume geschickt, dann wärst du jetzt nicht so stark. Du hörst ja auch eine Musik, die für andere Leute das reinste Gift ist. Dir aber gefällt sie, weil sie dich stark macht. Stark soll ich jetzt sein? So sehr Anna auch in ihrem Körper herumsuchte, von Stärke war da nicht viel zu finden. Jetzt noch nicht. Du wirst stark sein, wenn du es brauchst. Und glaube uns, du wirst es brauchen. Ganz besonders wirst du es brauchen, wenn dir deine Musik nicht mehr weiterhilft. Glücklich bin ich jetzt nicht, oder? Anna schaute die beiden Alten fragend an. Ich möchte niemals so glücklich werden wie diese vertrottelten Blindgänger, die in der Stadt rumhängen und nichts mehr auf die Reihe kriegen. Da brauchst du jetzt keine Angst mehr zu haben. Du hast ja unseren Tee getrunken. Ohne ihn wärst du so geworden wie alle anderen Leute in diesem Land. Ganz langsam hättest du dich verändert und du hättest nichts davon gemerkt. Die Alte sprach langsam und fast etwas feierlich, um Anna die Gefahr, in der sie schwebte klar zu machen. Könntet ihr mir endlich mal sagen, was das für ein Te war? Sicher wirst du dich über die vielen Pflanzen und Kräuter im Garten und im Haus gewundert haben. Meine Frau ist eine Kräuterhexe, die einzige, die es noch gibt in diesem Lande. Allen anderen wurde ihre Hexerei verboten. Sie mussten den Beruf wechseln. Als vor sieben Jahren plötzlich drei Soldaten kamen, da wussten wir schon vorher, was mit uns geschehen sollte. Man wollte meiner Frau die Zauberkräuter wegnehmen und ihr die Zauberei verbieten. Meine Frau hat dann so getan, als hätte sie die Gicht in den Knochen und sei schon viel zu gebrechlich, um zu zaubern. Und weil meine Frau eine großartige Schauspielerin ist, haben die Soldaten uns das geglaubt und sie daraufhin in Ruhe gelassen. Anschließend haben sie sich über unseren Garten hergemacht. Wie hungrige Kaninchen sind sie durch die Büsche und Sträucher geschnüffelt. Aber zum Glück waren die Soldaten zu dumm und unerfahren, um Heilkräuter, Zauberkräuter und ganz normale Kräuter auseinander zu halten. Ich hab ihnen dann nur gesagt, das sei Unkraut und keine Zauberkräuter. Aber wie du weißt, gibt es kein Unkraut. Jedes Kraut ist zu irgend etwas nütze. Die Einteilung der Kräuter in gute und schlechte ist eine Erfindung der Menschen. Sie beurteilen alles danach, ob sie es essen können oder nicht. Schweif nicht ab, mein lieber Mann unterbrach ihn die Alte. Er redet immer soviel. Das liegt daran, dass wir sieben Jahre keinen Besuch hatten. Wenn jetzt jemand kommt, dann versucht er alles nachzuholen. Jetzt schweifst du ab, liebe Frau. Komm, lass mich weitererzählen. Wir haben nämlich den Soldaten dann noch gesagt, dass wir viel zu alt und schwach seien, um den Garten so zu pflegen, wie es sich gehört. Wir würden sie aber gerne als Gärtner einstellen. Dann könnten sie ja für Ordnung sorgen. In drei oder vier Tagen hätten sie das, wenn sie sich ranhielten, sicher geschafft. Die drei Männer lehnten dankend ab und hatten es mit einem Male sehr eilig. Dumme Jungen waren das, denen konnte man alles erzählen. Siehst du, jetzt schweift sie ab meinte der Alte zu Anna. Komm, lass mich weiter erzählen. Also: dieser Tee ist das große Geheimnis meiner Frau. In der Stadt tuschelt man hinter vorgehaltener Hand, wir seien Giftmischer. Aber das ist nur ein hinterhältiges und gemeines Gerücht, das die Weisen uns in Umlauf gesetzt haben, um uns zu schaden. Deshalb kommt uns auch niemand besuchen. Sogar unserer Tochter Ananga haben sie das verboten. Ananga? Ich habe Ananga kennen gelernt Anna war froh, auch einmal zu Wort gekommen zu sein. Sie war auf dem Marktplatz, als Morendo, dieser komische Weise, gesprochen hat. Sie hat mir gesagt, ich soll zu Lewar, dem Pferdehändler gehen. Hat sie damit euch gemeint? Nein, wenn du zu Lewar willst, dann brauchst du nicht mehr sehr weit gehen. Sie hat dich zu uns geschickt, weil sie wusste, dass du auf deinem Weg zu Lewar bei uns vorbei kommen musst, Sie ist eine freundliche Frau sagte Anna. Sie durfte aber nicht viel sagen, aber sie hat mir sehr geholfen. Seit sieben Jahren haben wir sie und unser Enkelkind nicht gesehen. Und an allem sind diese Weisen vom waldigen Berg schuld. Wir hätten dir auch niemals diesen Tee zu trinken gegeben, wenn uns nicht Boreander besucht hätte. Diesen Besuch haben wir dir verschwiegen. Du hättest dann nämlich Fragen gestellt, die wir nicht hätten beantworten können. Er hat uns gesagt, es würde bald ein Mädchen in einem seltsamen Jäckchen vorbei kommen. Wir sollten ihm dann von unserem Tee zu trinken geben. Ganz besonders gut sollte er diesmal sein und ganz besonders stark. Zuerst hatten wir Angst. Wir kannten dich nicht. Und deshalb wussten wir auch nicht, ob du das aushalten würdest. Boreander beruhigte uns und sagte, du seiest Gift gewöhnt. Denn du würdest eine teuflische Musik mögen. Die würde sich stark genug machen, unseren höllischen Zaubertrank aushalten. Und wie du siehst, du hast ihn ausgehalten. Jetzt kannst du weiterziehen. Nichts wird dich aufhalten, das Ziel, das du dir gesetzt hast, zu erreichen. Aber ich habe doch kein bestimmtes Ziel. Außer dass ich zu Lewar, dem Pferdehändler will. Wenn du nur ein bisschen durch die Gegend reiten willst, dann wird dir das bald vergehen. Dann brauchst du erst gar nicht zu Lewar gehen. Du wirst tagelang, ja wochenlang reiten müssen, und zwar mehr als dir lieb ist. Lewar hat gute Pferde und die wirst du brauchen können. Frag ihn nach Yogor, dem Hengst, den man das schwarze Feuer nennt. Wichtiger ist es, dass du dir jetzt ein Ziel suchst. Stark genug bist du. Das wird der schwierigste Teil deiner Reise, glaub uns das.
Nach diesen Worten ging der Alte an die Kommode, aus der er die Spieldose geholt hatte. Er kam diesmal mit einem kleinen Lederbeutel zurück und überreichte ihn Anna. Es kann sein, dass du auf deiner Reise jemanden kennen lernst, der unseren Tee genau so nötig braucht, wie du ihn gebraucht hast. >> weiter zu Teil II | Teil III |